Dieser Beitrag ist eine Antwort auf den Artikel ‘Das große Missverständnis’ von Claudia Detsch, erschienen im IPG Journal.

Klischees, historische Verzerrungen und Vorurteile. Der Artikel beginnt mit einem Zitat aus der n-tv Berichterstattung, ein Sender der Mexiko ohne mit der Wimper zu zucken nach Südamerika verfrachtet, das ist keine gute Quelle. ‘Der Westen hat Lateinamerika nie richtig verstanden’, sagt Detsch. In diesen wenigen Worte stecken zwei riesige Fehler.

Erstens, Lateinamerika als Einheit existiert nicht. Unter den Begriff sammeln sich unterschiedlichste Länder, Kulturen, Regionen und Sichtweisen. Man kann nicht die ‘lateinamerikanische Sicht’ vertreten oder interpretieren, dazu sind die Einzelakteure, die Staaten in Nord-, Mittel und Südamerika zu unterschiedlich. Man kann versuchen mit, zu, über oder für Lateinamerika zu denken, aber die Feinarbeit und die Differenzierung sind notwendig.

Zweitens, der Westen als Konstrukt fängt in Amerika an. Wenn man Amerika als Kontinent versteht, dann versteht man auch, dass die Idee von Freiheit, von Individualismus und Toleranz amerikanische Werte sind. Das enge Europa hat Andersdenkende, Arme und die Ungleichheit gerne exportiert. Wohin? Nach Amerika. Dies hat sich seit den Unabhängigkeitsbewegungen in Brasilien, Mexiko oder den USA in die DNA der Amerikaner (nicht nur der US-Amerikaner) fest gesetzt. Aus amerikanischer Sicht (also auch aus lateinamerikanischer Sicht – die vielfältig ist), ist Europa das ‘Alte Kontinent’ mit weniger Freiheit, mit Rassismus und ‘seltsamen Ideologien’ besetzt. Sicher, man ist zum Teil historisch mit Europa verbunden, aber diese Nähe geht immer mehr verloren.

Amerika wird von Süd bis Nord immer ähnlicher, die Lebensweise eines Bewohners der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá ist die eines Einwohners L.A.’s viel ähnlicher als die eines Berliners mit der Person aus der US-Stadt. In Mexiko City, Sao Paulo oder New York zu leben ähnelt sich sehr – auch der Lifestyle und das denken. Ein Eindruck des heutigen Perús (nicht der Klischee-Betrachtung eines Lateinamerikanistik-Studenten aus Frankfurt oder Leipzig):

Zugegeben, sehr oberflächlich und banal, das Video dient lediglich der Veranschaulichung dessen was ich meine, wenn ich sage das Lima und San Francisco sich kulturell näher sind als Pasadena und Passau.

Frau Detsch weitet dann die Betrachtung auf die alten Eliten, auf die politischen Strömungen und die Werte aus.

Westliche Werte: In Amerika besteht die Überzeugung, dass die ‘westlichen Werte’ amerikanisch sind und über den USA, dem II. Weltkrieg und u.a. der Reeducation in Deutschland nur zögerlich im neuen Europa verstanden wurden. Großbritannien ist eine Art Brückenkopf der amerikanischen Werte und Frankreich eine historische Referenz. Sicher haben die Massen europäischer Auswanderer das Klassenkonzept auch nach Amerika exportiert, die Latifundien und sogar die teilweise Ausrottung der Ureinwohner sind eine europäische ‘Leistung’. Dies ist in Amerika bis heute gegenwärtig, selbst in klar europäischen geprägten Staaten wie Uruguay und teilweise Argentinien wird das indigene Element jedoch immer stärker und positiver besetzt, skurril in Uruguay wo es gar keine indigene Bevölkerung gibt. Übrigens ist dieses Verständnis der Westlichen Werte eine Erklärung für das Misstrauen der USA gegenüber europäischen Regierungen und den Spionage-Tätigkeiten der NSA. Für die Amerikaner sind wir in Europa alle ein bisschen Putin… oder wie im Film ‘The Dictator‘ formuliert:

In fact, anyone from outside of America is technically an Arab.

Politische Strömungen: die amerikanischen Linken sind so unterschiedlich wie Amerika selbst. Viele wie Correa oder Maduro hängen der Idee der Revolution kubanischer Prägung an, diese obsolete Denkweise sorgt für bizarre Äußerungen und für bunte Staatsführer. Aber auch ein Atanas Mockus oder José Mujica sind Linke und viel pragmatischer. Ihnen entgegen stehen die ‘alten Eliten’. Familien und Latifundistas die seit Generationen das Land ausgebeutet haben und deren ‘westliche Werte’ nur für ihren Stand gegolten haben: Indigene, Schwarze und Ausländer wurden ausgebeutet, sie als Criollos hatten das gottgegebene Recht dazu – die Rolle der Kirche in der Geschichte Amerikas lasse ich lieber außen vor. Die linken und rechten Spektren in Länder wie Kolumbien, Venezuela, Ecuador oder den Staaten Mittelamerikas sind unversöhnlich und historisch, durch den Kalten Krieg forciert, in einer Art ideologischer Starre verhaftet. Andere Gegenden, andere Zustände. In Uruguay, Chile oder Argentinien ist es eine ganz andere Situation, Paraguay ist archaischer und Brasilien ist so vielfältig, dass es einer eigenen Analyse bedarf.

Eliten: die Eliten sind in Amerika zum Teil Produkt der Zuwanderung und zumeist spanischer oder italienischer Herkunft. Später kamen Flüchtlinge aus Deutschland, Frankreich oder Irland hinzu und bildeten einen Mittelbau (im Falle urbaner Niederlassung) oder Randerscheinungen (Mennoniten) im ländlichen Umfeld. Diese externen Eliten brachten keine amerikanischen Werte ins Land, sie mussten sie mühsam lernen. Sie brachten Unterdrückung, Rassismus, seltsame religiöse Überzeugungen, Integrationsunwilligkeit, Krankheiten, den Tod …

Im amerikanischen Werdungsprozess hat man sich mühevoll davon befreit. Inzwischen werden in Bolivien diese Eliten durch Indigene ersetzt, auch in Kolumbien oder Brasilien zählt inzwischen mehr die Leistung als die Herkunft, dieser Prozess geht jedoch langsam von statten.

Für die Amerikaner, auch die Lateinamerikaner, hat sich Europa in den letzten Jahren entfernt. Man macht Geschäfte mich China, weil es sich lohnt. Man schaut nach Asien und auf sich selbst, weil die Märkte größer sind. Europa ist das Alte Kontinent im Osten, das inzwischen eher als Disneyland bereist wird. Sicher, Länder wie Argentinien oder Venezuela stören das stete Wachstum, aber insgesamt wächst das amerikanische Kontinent in eine (auf kurze Sicht) wohlhabende Konsumzukunft.

Die Langsamkeit Europas wird wohl vernommen, sie interessiert jedoch nur marginal. Es ist an Europa auf Lateinamerika zuzugehen, sei es nur um der Märkte willen. In Sachen Ideologie versteht man sich in Amerika als Westen, als das Neue – Frau Detschs Analyse hat eine eurozentrische Außenperspektive und glänzt durch große Unkenntnis. Ihr altes Links-Rechts-Denken hat bereits weite Teile Amerikas gelangweilt, die jungen Amerikaner in Lima, Medellín oder Miami halten sich mit diesen obsoleten Gedankenwelten erst gar nicht mehr auf.

Der Europäer sucht den Che, den Tango, das Klischee, die Vergangenheit…

Amerikaner schauen in die Zukunft …

[Nicht korrigierte Fassung]